Die Generation „Quarterlife-Crisis“
Bereits unter uns 20- bis 30-Jährigen breitet sich jetzt epidemisch die Symptomatik einer allgemeinen Lebenskrise aus - die “Quarterlife-Crisis”.Eine mehr oder weniger glückliche, deutsche Wohlstands-Kindheit zwischen Ü-Eiern mit sinnfreiem Inhalt, dämlich-dauergrinsenden Playmobil-Figuren und mehr oder weniger prestigeträchtigen Markenklamotten; eine mehr oder weniger glückliche Schulzeit mit Schüleraustausch, Klassenfahrten und einer riesengroßen Abschluss- oder Entlassfeier; eine mehr oder weniger glückliche Berufsausbildung, ein mehr oder weniger glückliches Studium. So kennen wir das fast alle.
Also Friede, Freude, Eierkuchen, alles in Butter und überhaupt eitel Sonnenschein?
Jetzt sind wir mittlerweile jedenfalls irgendwo zwischen 20 und 30, und sollten eigentlich so richtig mittendrin im Leben angekommen sein – und gefälligst glücklich und zufrieden und vor allem dankbar für die wohl sorgenfreiste Kindheit und Jugend, die je eine Generation seit Anbeginn der Zeiten verleben durfte.
Sind wir aber nicht. Nicht so richtig. Nicht wirklich.
Was ist mit uns los?
Also nochmal der Reihe nach.
Eigentlich sollte man in unserem Alter erwachsen sein und auf eigenen Beinen stehen. Wenn es nach den Eltern ginge, würden wir wahrscheinlich allesamt schon längst in ewiger Ausgeglichenheit, Zufriedenheit und allgemeiner Dankbarkeit einen sicheren (und natürlich erzgrottenscheißlangweiligen) Beruf ausüben – am besten auf Lebenszeit verbeamtet (mit Pensionsanspruch) – und so langsam ans Heiraten, Häuslebauen und Kinderkriegen denken.
Die Realität sieht meistens ganz anders aus:
Das Studium beispielsweise erweist sich als völlig unbefriedigend – sollte man vielleicht nicht doch noch irgendwie versuchen, das Studienfach zu wechseln? Oder gar überhaupt etwas ganz anderes anfangen, vielleicht doch lieber eine Ausbildung? Denn selbst, wenn man irgendwie doch noch ein brauchbares Examen bauen sollte, sind die Berufsaussichten auch damit immer noch miserabel.
Das Liebesleben, so man überhaupt davon reden kann, erweist sich ebenfalls eigentlich als eine einzige Folge von Enttäuschungen.
Mit den Eltern, Geschwistern, Großeltern daheim gibt’s eh nur noch Stress.
Und der Geldbeutel ist natürlich auch andauernd leer.
Kurz: Es fühlt sich verdammt so an, als hätte man alles falsch gemacht – kaum ist man seine ersten kleinen mehr oder weniger selbst verantworteten Schritte ins Leben hinein gegangen, schon hat man das abgrundtief miese Gefühl, einen völlig falschen Weg eingeschlagen zu haben.
Ist man ein für alle mal falsch abgebogen? Kann man, darf man, muss man jetzt noch das Steuer herumreißen und versuchen, doch alles ganz anders zu machen? Hätte man überhaupt genug Mumm dazu? Ist nicht alles schon zu spät? Aber was wären denn überhaupt die Alternativen…? Wahrscheinlich würde man doch, ginge der Traum einer Chance zum Neuanfang in Erfüllung, ohnehin wieder alles falsch machen…
Ist doch eh alles sinnlos…
Seitdem 2003 die selbst von derlei Problemen betroffenen US-Amerikanerinnen Alexandra Robbins und Abby Winter ein Buch veröffentlichten, in dem sie für diese und ähnliche Symptomatiken den Begriff der „Quarterlife-Crisis“ prägten, macht dieses neue Wort eine steile Karriere.
Das schlechte Gefühl, irgendwie den falschen Lebensweg eingeschlagen und eigentlich überhaupt grundsätzlich etwas falsch gemacht zu haben, beschleicht offenbar immer mehr Twentysomethings – gerade in Umbruchssituationen wie dem Abschluss der Ausbildung oder beim Wechsel vom Studium ins Berufsleben. Die angespannte soziale und wirtschaftliche Lage in Deutschland tut ein Übriges, um die Situation noch weiter zu verschärfen, indem sie das subjektive Elendsempfinden durch handfeste Negativ-Fakten bestärkt:
Der Einstieg ins Berufsleben scheitert heute dank der katastrophalen Arbeitsmarktlage auch oftmals bei bestens ausgebildeten Absolventen – und die, bei denen er gelingt, müssen oft eine Stelle in einer Branche, einem Aufgabenbereich oder einer Gegend annehmen, die ihnen nicht wirklich zusagt. Die Einstiegsgehälter sind oft halsabschneiderisch niedrig. Vielfach gibt es schon prinzipiell gar keine regulären Arbeitsverträge für Einstiegspositionen mehr – man muss auf magerer Provisionsbasis oder in einem unter- bis unbezahlten Praktikumsverhältnis arbeiten, will man nicht seine Berufskarriere als HartzIV-Opfer beginnen. Der dadurch eintretende Geldmangel bei den „Young Professionals“ der gegenwärtigen „Generation Praktikum“ führt beispielsweise dazu, dass (vor allem in den teuren Städten im Westen und Süden der Republik mit ihren irrsinnig hohen Wohnmarktpreisen – ich nenne symbolisch nur die Großräume Düsseldorf, Stuttgart, München,…) viele gezwungen sind, mit Ende 20 wieder bei den Eltern einzuziehen, weil sie sich trotz Fulltime-Job eine eigene Wohnung einfach nicht leisten können - was wiederum unweigerlich zu Familienkonflikten des Typs „Werd endlich erwachsen!“, „So lange Du Deine Füße noch unter meinen Tisch streckst…“ oder „In Deinem Alter habe ich damals schon längst…“, führt, die bei allen Beteiligten für noch mehr Frust sorgen.
Der psychologische Subtext der Quarterlife-Crisis-Symptomatik besteht aus grundlegenden Defiziten in der Persönlichkeitsentwicklung:
Das Fehlen fester Grundwerte, aus denen sich eine klare Wertorientierung mit entsprechenden Lebenszielen und konkreten Lebensprinzipien als moralischen Leitlinien ergeben würde – für deren Einhaltung man dann auch Widrigkeiten besser in Kauf nehmen könnte.
Die Folgen dieser Defizite sind eine gewisse Orientierungslosigkeit, sowie Unstetigkeit und Unsicherheit in der Lebensführung; das Gefühl von Haltlosigkeit, Antriebslosigkeit und Demotivation, zudem eine geringe Frustrationstoleranz (Fähigkeit, Misserfolge zu ertragen und zu verarbeiten).
Das sind dann auch die Leitsymptome der Quarterlife-Crisis, die sich zu einer behandlungsbedürftigen Depression auswachsen kann.
In der Praxis hört sich das dann beispielsweise so an, wie hier auf NEON-Online, wo mir kürzlich eine liebe Bekannte (die ausdrücklich unbenannt bleiben will) schrieb:
„Aber ich bin schon entsetzt bis entgeistert, wenn ich die Themen der Neonianer wahrnehme, die sich so um die 30 befinden. In der Regel spätpubertär. Verspielt. Nicht gewohnt Verantwortung zu übernehmen. Ich will damit gar nicht sagen, dass ich damals anders war, aber ich dachte damals und heute auch noch, dass ich ein Spätzünder war, mit Erwachsenwerden. Bei den Junx und Mädels entsteht bei mir oft der Verdacht, dass da auf ganz hohem Niveau gejammert und gealbert wird.“
Ich denke, es dürfte Wenige unter uns geben, die sich da nicht irgendwie angesprochen fühlen müssten. Auch ich persönlich halte mich ja, ehrlich gesagt, trotz meiner mittlerweile 27 Lenze noch nicht so richtig für erwachsen.
Die soziologische Forschung untermauert derlei Befunde ganz klar mit der empirisch nachgewiesenen Feststellung, dass sich der Zeitpunkt des „gefühlten Erwachsenwerdens“ im Lauf der letzten Jahrzehnte in den Lebensläufen immer weiter nach hinten verschiebt: Die Leute starten immer später ins Berufsleben, heiraten immer später, bekommen (wenn überhaupt) immer später Kinder. Obwohl man laut Gesetz bereits mit 18 volljährig ist, wird man also immer später tatsächlich erwachsen - der Erwerb des sozialen Status eines vollwertigen Erwachsenen, also die vollständige Übernahme der sozialen Rollenattribute eines Erwachsenen, zögert sich gegenwärtig nicht selten bis zum 30. Lebensjahr oder noch weiter hinaus. Die Soziologie spricht dann von einer Extension der Adoleszenz (diejenige Lebensphase, in der man sich selbst noch eher als „Jugendlicher“ sieht, bzw. von anderen als solcher betrachtet wird, obwohl man rein rechtlich schon volljährig ist) oder entsprechend von einem prolongierten Moratorium.
Die gesellschaftlichen Hintergründe dieses Phänomens sind dabei eigentlich glasklar: Ein nach wie vor bürokratisch aufgeblähtes, ineffizientes Bildungssystem und die chronische Krise in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt hierzulande; die gesamtgesellschaftlich zunehmende normative Bedeutung der Jugendkultur; schließlich und endlich die immer komplizierter und unübersichtlicher werdende, sich immer mehr beschleunigende Welt, in der es einfach auch immer schwieriger wird, sich zu orientieren und seinen Platz zu finden (und auch, ihn dann dauerhaft einzunehmen).
Doch nicht nur die Orientierungsleistungen an sich, die jeder erbringen muss, der erwachsen werden will, haben sich quantitativ und qualitativ verschärft; vielmehr muss man bedenken, dass diese zahlreicher und schwieriger gewordenen Anforderungen an die Jugend von heute auch noch zusätzlich unter weit größerem Druck erbracht werden müssen, als noch in den Generationen vor Internet und Globalisierung: Immer größerer Leistungsdruck, Zeitdruck, Anpassungsdruck, Konkurrenzdruck, und so weiter lasten weit schwerer und drückender als je zuvor auf den heutigen Teens und Twens.
Und selbst wer allen Widrigkeiten zum Trotz in diesem harten, gnadenlosen Umfeld besteht, wird dafür heute längst nicht mehr so großzügig belohnt, wie früher: War das Abitur noch vor wenigen Jahrzehnten eine Quasi-Garantie für einen guten Job im späteren Leben, bekommt man heute nicht einmal mehr einen sicheren Studienplatz als Gegenwert für die Leistung, das Abitur bestanden zu haben – so ist das Abi bereits zur selbstverständlichen Voraussetzung für die Bewerbung um irgend einen ordentlichen Ausbildungsplatz geworden. Ganz ähnlich sieht es auch mit dem Studium aus: Während man früher noch sicher sein konnte, mit einem bestandenen Examen das Ticket für einen sicheren, gut bezahlten Job und eine Laufbahn in den gehobenen Hierarchieebenen gelöst zu haben, ist ein abgeschlossenes Studium heute weniger wert denn je. Nirgendwo stieg die Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren stärker, als unter den Jungakademikern; so explodierte nach den offiziellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit die Arbeitslosenquote unter Akademikern etwa in den Jahren 2002 und 2003 um jeweils 24%, und verharrt seitdem auf Negativ-Rekordniveau.
Anstatt uns gegen diese Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen zu wehren und die berechtigten eigenen Ansprüche und Rechte druckvoll und offensiv gegen den Rest der Gesellschaft durchzusetzen, züchten wir eben Neurosen. Ja, wir sind wohl irgendwie zu schlapp, zu individualistisch, zu angepasst. Wir sind einfach auch zu wenige, schließlich gibt es in Deutschland schon heute doppelt so viele Rentner wie Schüler. So wird die Entwicklung von Staat und Gesellschaft zu Lasten der jungen Generation wohl weitergehen. Eine Rente, das ist jedem von uns klar, der denken kann, werden wir, wenn wir in 40 Jahren so weit sind, jedenfalls garantiert nicht mehr bekommen – allerdings werden nur die wenigsten von uns jemals in ihrem Leben genug verdienen, um privat so gut vorsorgen zu können, dass im Alter ein Lebensstandard möglich wäre, der mit dem unserer Eltern und Großeltern von heute mithalten würde.
Die Aussichten stehen also hervorragend, dass wir die Probleme, die uns bereits jetzt aufgeladen wurden, auch künftig nicht mehr loswerden… von einer späteren Entschädigung oder Kompensation ganz zu schweigen.
Die skizzierten Entwicklungen haben freilich nicht erst gestern begonnen. Das ultimative Zitat zum Thema „Quarterlife-Crisis“ etwa stammt von dem bereits vor 35 Jahren verstorbenen Bertrand Russell, der damals in aus heutiger Sicht prophetischer Manier diagnostizierte:
„Der Zynismus, der sich häufig unter der gebildeten Jugend Europas findet, resultiert aus gewohnter Bequemlichkeit des Lebens und Machtlosigkeit. Machtlosigkeit gibt die Empfindung, dass sich nichts lohnt, getan zu werden, und der moderne Komfort sorgt dann dafür, dass das Schmerzliche dieser Empfindung bis zur Erträglichkeit gemildert wird.“
In diesem Satz steckt, wie ich meine, das ganze Dilemma und die ganze Tragik der Twentysomethings von heute, von uns – der „Generation Quarterlife-Crisis“.